Autor Thema: Armenien-Resolution  (Gelesen 1084 mal)

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Offline Brilonius

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Armenien-Resolution
« am: Montag, 06. Juni 2016 - 15:13:46 »
Der Bundestag stellte vor ein paar Tagen die planmäßige Vertreibung und Vernichtung von über 1 Millionen Armenier durch das damalige türkische Regime vor 101 Jahren amtlich durch einen Bundestagsbeschluss fest.

Meiner Meinung nach ist die Bewertung dieses Massakers aber nicht die Aufgabe eines Parlamentes, sondern die der Geschichtswissenschaft, die diese Taten schon längst als Genozid und historische Wahrheit bezeichnete.
Nicht jeder Satz in den Geschichtsbüchern verlangt einen Beschluss des deutschen Bundestages als moralische Instanz.

Offline NF

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Re: Armenien-Resolution
« Antwort #1 am: Montag, 06. Juni 2016 - 17:54:34 »

...sehe ich genau so - und erschwerend hinzu kommt noch das perfekte timing (in Deutschland braucht man halt für einen Beschluss gerne mal ein ganzes Jahr).

Einmischen und sich Kümmern ist gut, aber am liebsten so wie Du es beschrieben hast!
Das hat ausdrücklich NICHTS mit dem kuschen vor dem Despoten am Bosporus zu tun.
Mit einem Hammer in der Hand sieht
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Offline Blubb

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Re: Armenien-Resolution
« Antwort #2 am: Dienstag, 07. Juni 2016 - 22:00:24 »
Der Bundestag stellte vor ein paar Tagen die planmäßige Vertreibung und Vernichtung von über 1 Millionen Armenier durch das damalige türkische Regime vor 101 Jahren amtlich durch einen Bundestagsbeschluss fest.

Meiner Meinung nach ist die Bewertung dieses Massakers aber nicht die Aufgabe eines Parlamentes, sondern die der Geschichtswissenschaft, die diese Taten schon längst als Genozid und historische Wahrheit bezeichnete.
Nicht jeder Satz in den Geschichtsbüchern verlangt einen Beschluss des deutschen Bundestages als moralische Instanz.

Ich muss ich doch sehr widersprechen.

Zum einen bewerten ernsthafte Historiker die Massaker an den Armeniern durch das Osmanische Reich als da, was es ist: Einen Völkermord. Die Resolution begibt sich also nicht auf unsicheres Terrain, sondern auf gesichertem wissenschaftlichen Boden.

Zum anderen ist die Resolution dann doch etwas differenzierter als die Verengung auf den reinen Begriff des Völkermordes oder die Bewertung der Geschehnisse als solcher. Es geht darin vor allem auch um die unrühmliche Rolle des deutschen Reiches, die daraus erwachsene historische Verantwortung Deutschlands und dem daraus resultierenden Anliegen, für die Verständigung zwischen Türken und Armeniern zu arbeiten und dabei unterstützend zu wirken. Zudem hebt die Resolution auch die Singularität des Holocaustes hervor, weshalb es geradezu absurd ist, wenn Erdogan dazu aufruft, Deutschland möge sich doch bitte erstmal damit beschäftigen.

Daher geht es auch eben nicht darum, den Türken einen reindrücken zu wollen. Der Zeitpunkt spielt keine Rolle.

Den Text der Resolution kann man übrigens hier nachlesen.

Offline Brilonius

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Re: Armenien-Resolution
« Antwort #3 am: Sonntag, 04. September 2016 - 16:33:57 »
Der Spiegel gab vor ein paar Tagen das "Gerücht" heraus, die Regierung distanziere sich von der Resolution. Das gab dem Pressesprecher ganz offiziell die Gelegenheit, das Gerücht zu dementieren und gleichzeitig nachzuschieben, die Resolution sei rechtlich aber nicht bindend. Eine etwas verschwurbelte Erklärung, die  sicherlich nur den Zweck hatte, die Türkei zu besänftigen. Was die Frage aufwirft, wer hat beim Spiegel das Gerücht gestreut, wem nutzt es?

Die Erklärung war eine einzige diplomatische Trickserei.
Im 1. Satz sagt Seifert, die Regierung distanziere sich nicht von der Armenien-Resolution und im 2. Satz, der Bundestag sei zwar unser Parlament und gesetzgebendes Organ, aber mit dem Beschluss hätte die Bundesregierung formalrechtlich nichts zu tun, das könnten nur Gerichte (die Spitzenleute der Regierung haben sich ja auch schön vor der Abstimmung voraussehend gedrückt). Entweder so oder so, ganz wie es gebraucht wird. Die Resolution nicht abmildern, aber trotzdem Erdogan beschwichtigen und dessen Testosteronspiegel senken.

Politiker als Opportunisten, ich nennt sie auch Jenachdemer.
Bemerkenswert noch: Auf die Frage, welche Position Merkel als Abgeordnete denn einnähme, kam kein Antwort.

Diese Wortklauberei könnte man auch als ein Affront gegen unser Parlament auffassen. Es hat die Resolution mehrheitlich beschlossen und diese müsste nun auch Grundlage für das Handeln der Regierung gelten.

Warum man gerade in dieser emotional aufgeheizten politischen Lage überhaupt über eine Resolution abstimmt, bleibt mir sowieso ein Rätsel. Falls es ein Völkermord war, war er es auch vor 3 Jahren und in 5 Jahren wird es auch noch einer sein. Zudem bin ich immer noch der Meinung, dass nicht Volksvertreter definieren sollten, ob es ein Völkermord an den Armeniern war, zumal diese Definition schon längst von vielen Historikern und Wissenschaftlern getätigt wurde. Vielleicht ein Fall für ein internationales Gericht? Man hätte sich viel Ärger und einen Bückling erspart.


Offline Itzeflitze

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Re: Armenien-Resolution
« Antwort #4 am: Sonntag, 04. September 2016 - 16:44:04 »
Woher die Information kam, interessiert mich auch. Fakt ist, dass diese Meldung bei Erdowahn mit Wohlwollen aufgenommen wurde, und hier ist ein möglicher Hinweis darauf, warum diese Nachricht überhaupt verbreitet wurde: http://www.huffingtonpost.de/2016/09/04/kanzlerin-merkel-rechnet-mit-aufhebung-des-besuchsverbots-fur-incirlik_n_11856338.html?utm_hp_ref=germany
Die Visafreiheit werden die Türken wahrscheinlich auch noch bekommen, weil unsere Bundesregierung offensichtlich gewillt ist, Erdowahn in den Arsch zu kriechen. Dann werden wir den Terrorismus innerhalb Europas noch ganz anders kennenlernen, fürchte ich.


Offline ToRü | ToРуз

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Re: Armenien-Resolution
« Antwort #5 am: Montag, 05. September 2016 - 16:38:31 »
Der Antrag / Beschluß im Wortlaut: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/086/1808613.pdf

Ich finde den Satz "Der Bundestag stellt fest", im Kontext mit dem rest, nicht passend:

"Erinnerung und Gedenken an den Völkermord an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten in den Jahren 1915 und 1916

Der Bundestag wolle beschließen:

I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:

Der Deutsche Bundestag verneigt sich vor den Opfern der Vertreibungen und Massaker an den Armeniern und anderen christlichen Minderheiten des Osmanischen
Reiches, die vor über hundert Jahren ihren Anfang nahmen. Er beklagt die Taten der damaligen jungtürkischen Regierung, die zur fast vollständigen Vernichtung der Armenier
im Osmanischen Reich geführt haben. Ebenso waren Angehörige anderer christlicher Volksgruppen, insbesondere aramäisch-assyrische und chaldäische
Christen von Deportationen und Massakern betroffen...."

Der Bundestag stellt jedoch eine Mitschuld des deutschen Reiches fest, denn nach heutigem Wissensstand wusste es durch Diplomaten und Missionare von den Verbrechen an den Armeniern.

Mal weiter gedacht: Müssten dann auch Amerikaner und Briten eine Mitschuld an der Judenvernichtung der Nazis feststellen; sie haben davon ja auch gewusst....
Das geht aber wahrscheinlich zu weit.
« Letzte Änderung: Montag, 05. September 2016 - 16:45:21 von ToRü | Erklärba(e)r »
Respektiere jede Meinung. Gefallen muss sie mir ja nicht. Und das sag ich dann auch.
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